DIE VIELFALT DER EGEL

Es gibt über 600 Egelarten auf unserer Erde. Sie haben eine unglaublich lange Entwicklungsgeschichte hinter sich (450 Millionen Jahre, also deutlich länger, als die der Dinosaurier mit 235 Millionen Jahren). Überlebt haben sie, weil sie sich bis heute sehr differenziert an ihre jeweiligen Lebensräume anpassen können. So konnten die ersten Arten natürlich mit Wirbeltierblut noch gar nichts anfangen, denn die Wirbeltiere, und erst recht die Säugetiere, tauchten erst Millionen Jahre später auf. Die Egel haben sich aber schnell darauf spezialisieren können.

Das äußere Erscheinungsbild der medizinischen Blutegel variiert in faszinierender Weise. Es gibt Arten mit einer sehr hellen, gelben Haut, die eine eher unauffällige Rückenzeichnung tragen, andere sind eher mittel- bis dunkelgrün, oft mit ausgeprägten orangen Mustern und zwei seitlichen hellen "Rallyestreifen", wieder andere sind auf dem Rücken fast schwarz.

Die Bauchzeichnung variiert ebenfalls. Manche Arten sind gleichmäßig hell-olivgrün, andere haben deutliche dunkle Einsprengsel oder sind auch fast schwarz.

In den Teichen meines Blutegel-Lieferanten, der Biebertaler Blutegelzucht, kommen sämtliche oben genannten Variationen und Mischformen vor. Sicherlich sind die verschiedenen Zeichnungen der Zucht- und Wildegel Ausdruck der Anpassung an die jeweiligen Lebensräume, die von ihren Vorfahren  besiedelt wurden. Da sie sich in der physiologischen Wirksamkeit nicht erkennbar unterscheiden, kann man sich über die natürliche Vielfalt einfach nur freuen, denn schön anzusehen sind sie alle, und in ihrer Eleganz beim Schwimmen sind sie unvergleichlich.

Das Leben der Blutegel

Der Blutegel gehört zur Familie der Ringelwürmer – wie auch sein naher Verwandter, unser heimischer Regenwurm.

Der Blutegel ist ein ca. 5 cm langes Tier mit einem ovalen Querschnitt, der sich zu beiden Körperenden hin verschmälert. Er kann seine äußere Form erstaunlich verändern: wenn er sich stark zusammenzieht, sieht er ganz kurz und dick aus. Wenn er sich aber in die Länge streckt, wird er extrem dünn, sehr lang und kann sich durch kleinste Ritzen zwängen.

An beiden Enden befindet sich jeweils ein Saugnapf. Beide Saugnäpfe dienen (auch an Land) dem Festhalten am Untergrund und der Fortbewegung. An Land sehen seine Bewegungen ähnlich aus wie die einer Raupe. Ist er jedoch im Wasser, gleichen seine Bewegungen eher denen eines Delphins. Die vordere Region mit Saugnapf beherbergt neben den fünf Paar einfachen Lichtsinnesorganen (v.a. um bewegte Schatten wahrzunehmen) auch hochempfindliche Chemo-, Thermo- und Berührungsrezeptoren (um die richtige Stelle fürs Zubeißen zu finden). Außerdem umschließt und beinhaltet die vordere Region die Mundöffnung mit 3 strahlenförmig angeordneten Kiefern die jeweils ca. 80-100 winzige Kalkzähnchen pro Kieferleisten beherbergen. Mit diesem komplexen „Werkzeug“ können die Egel die Haut ihres Opfers eröffnen und ihre Blutmahlzeit einnehmen. Dabei hinterlassen die Kiefer etwa 2-3 mm große, sternförmige Wundränder (ähneln ein wenig dem Mercedes-Stern).

In regelmäßigen Abständen (alle 3-10 Tage) häuten sie sich, indem sie sich an rauen Steinen oder ähnlichem reiben. Die Atmung und Gasaustausch des Egels erfolgt nicht über Lungen oder Kiemen, sondern über die Haut. In der Natur leben die Blutegel in kalkarmen, kühlen und langsam fließenden (Süß-)Gewässern wie Seen, Teichen, Bächen und Flüssen mit reichlichem Pflanzenbewuchs. Während die Egel sich in Freiheit nicht nur vom Blut von Wassertieren
(z.B. Frösche, Fische) ernähren, versuchen sie auch (vor allem die älteren Tiere) an Blut von Säugetieren zu kommen, indem sie nicht nur an ihren Beinen, sondern auch mal an Nase oder Mund von trinkenden (Weide-)Tieren „andocken“. Und manchmal erwischt es auch einen Badenden. Durch Säugetierblut wird ihre Fortpflanzungsfähigkeit nämlich verbessert.

Wasserbewegungen geben dem Blutegel Hinweis auf potentielle Opfer. Hat der Egel ein Opfer wahrgenommen, schwimmt er mit Schlängelbewegungen schnell und zielsicher auf die Quelle des Reizes zu,  fixiert sich an ihm und sägt mit seinen Kiefern in die Haut. Während des Saugens sondert der Egel Speichel in die Wunde ab, der dafür sorgt, dass die Wunde offen bleibt und das Blut fließen kann.

Nachdem der Egel „satt“ ist, lässt er von selbst los. Sein Gewicht hat sich nun verdreifacht (es kann sich aber auch bis zum zehnfachen erweitern) und er ist erst nach einer Woche wieder richtig schwimmfähig.  Recht unbeweglich und träge zieht der Egel sich tief zum Grund seines Teiches zurück. Denn jetzt stellt er einen besonders nahrhaften Leckerbissen für Vögel dar. Aber auch die Seinen könnten sich in Zeiten der Hungersnot kannibalisch an ihm vergehen! Das Blut wird nun über 1 ½ Jahre verdaut und verwertet. (So kann der Egel in der Natur auch eine lange Hungerperiode von bis zu zwei Jahren dank dieser sparsamen Lebensweise überstehen!) Nichtdestotrotz: nach einigen Monaten Nahrungskarenz ist der Blutegel wieder bereit für einen neuen Biss.

Blutegel sind Zwitter. Sie befruchten sich gegenseitig zwischen April und Oktober. Nach der Befruchtung werden ungefähr 30 Eier in Kokons in feuchter Ufererde abgelegt. Hieraus schlüpfen nach etwa 6 Wochen die jungen Egel.

Wegen des geringen Vorkommens stehen Blutegel in vielen Ländern unter Artenschutz.
Blutegel können über 25-30 Jahre alt werden und erreichen dann ausgewachsen eine Länge bis zu 20 cm sowie ein Gewicht von bis zu 30 Gramm.

Man findet bei uns noch „wilde", heimische Egel.

Die Blutegel aber, die in medizinischem Gebrauch sind, kommen überwiegend aus der Zucht.

Es gibt auch „Import-Ware“ aus Gewässern in der Türkei und Kroatien zu kaufen, die nach besonderen Hygiene-Richtlinien und Quarantäne-Vorschriften eine gewisse Zeit beim deutschen Blutegelvertreiber verweilen müssen.

Es gibt übrigens eine Vielzahl übereinstimmender Berichte aus verschiedenen Ländern, dass kranke Tiere (z.B. lahmende Rinder mit schmerzhaften Gelenkproblemen) offensichtlich gezielt Gewässer aufsuchen, um sich dort geduldig von den Blutegeln beißen zu lassen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass die stammesgeschichtlich sehr alten Blutegel (mindestens 450 Millionen Jahre) sich über lange Zeit ausschließlich von tierischem Blut ernährt und im Lauf der Evolution eine Art von Partnerschaft ("Du gibst mir Blut - Ich heile Dich") entwickelt haben, die im Instinkt der Tiere verankert zu sein scheint.

Wichtige Information: aus familiären Gründen muss ich meine Praxis bis auf weiteres schließen.

Leider kann ich bis auf weiteres keine neuen Patienten mehr annehmen und auch keine Fragen beantworten.

Viele Grüße
Ihre Heike Berner-Walz